Ben Becker mit "Ich, Judas" auf der Bühne: "Mir ging es heute den ganzen Tag so schlecht"
Berlin - Die Stentorstimme des charismatischen Charakterkopfes füllt ganze Gotteshäuser: Ben Becker (61) ist aktuell mit "Ich, Judas" auf Jubiläumstournee. Am Donnerstag trat das Enfant terrible der deutschen Schauspielerszene im Berliner Dom auf, wo er zuletzt im November mit seiner szenischen Lesung "Todesduell" gastierte. TAG24 war vor Ort.
Der Andrang war groß, Menschen schoben sich durch die Gänge im Halbdunkel. Eine Frau neben mir auf der Holzbank tippte 20 Uhr auf ihre Uhr (analog), sprach von Künstler. Es ging um Pünktlichkeit, später würde Becker sagen, er habe etwas Muffensausen gehabt.
Dann wurde das Licht gedämpft. Eine Stimme, tief, drängend, anklagend, erhob sich. Es war der Beginn der Lesung zwischen Theater, Predigt und Selbstoffenbarung. Becker stand im weißen Leinenanzug am Pult, umgeben von Gold, Prunk, Marmor und Kerzenständern. Er las zunächst aus dem Matthäus-Evangelium.
Das Programm des Ausnahmetalents basiert ferner auf zwei zentralen Texten: dem Roman "Judas" von Amos Oz (1939-2018) und der "Ich, ein Jud. Verteidigungsrede des Judas Ischariot" von Walter Jens (1923-2003). Beide eint ein radikaler Perspektivwechsel: Judas nicht als Verräter, sondern als notwendiger Teil der Heilsgeschichte. Vielleicht sogar als ihr eigentlicher Vollstrecker.
Seit der Premiere 2015 im Berliner Dom hat sich die Inszenierung zu einem regelrechten Dauererfolg entwickelt, mit Hunderttausenden Zuschauern und ausverkauften Kirchenräumen bundesweit. Beckers Spiel als Jünger Jesu war radikal körperlich und emotional. Er schrie, flüsterte, taumelte, durchmaß den Altarraum. Der Saal mit seinen rund 1400 Sitzplätzen war ausgebucht. Eine Frau brachte vorausschauend ein Fernglas mit.
Bildschirme gab es nicht, was auch der Monumentalität des Ausdrucks hinderlich gewesen wäre. Allerdings: Die Akustik des Doms machte der Performanz einen Abbruch.
Klang im Berliner Dom verhagelt Ben Beckers Auftritt etwas
Der Hall verschluckte Nuancen, Worte hallten durch den Dom, prallten gegen Fresken und wurden zwischen Ornamenten zurückgeschleudert. Der breiige Klang machte die eigentlich klar artikulierten Texte mitunter schwer verständlich. Das Knarzen der Holzbänke war aber unüberhörbar. Die harten Inhalte der Texte spiegelten sich offenbar im unbequemen Sitzen wider.
Der zweite Teil des Abends hob sich besonders hervor. Er gab Becker Raum für seine Spielfreude. Mit viel Dynamik spielte er Auszüge aus Jens' Monodrama "Ich, ein Jud". Darin lautet die eindeutige Argumentation: "Ohne Judas kein Kreuz. Ohne Kreuz keine Kirche. Ohne Kirche keine Überlieferung." Judas versteht sich dabei nicht als Verräter, sondern als Werkzeug eines göttlichen Plans, ja sogar als eine Art zweiter Messias.
Unter stehenden Ovationen beschloss Becker den Abend und erklärte im Anschluss am Pult an das Publikum gerichtet: "Mir ging es heute den ganzen Tag so schlecht."
Sein Fazit, sichtlich erleichtert und angefasst: "Ich sage, es war eine schöne Veranstaltung." Und das stimmte!
Titelfoto: FacelandCom

